Anschlussleistung reicht (fast) immer für E-Mobilität aus

Mehrfamilienhäuser rufen im Mittel nur 7 % der laut DIN 18015 definierten Hausanschlussleistung ab – selbst in Spitzenphasen werden im Schnitt nur 43 % erreicht.

Messsensoren am Hausanschluss

Zusammenfassung

Die in der Praxis gemessenen Anschlusslasten in Wohngebäuden liegen im Durchschnitt deutlich unter den konservativen Annahmen der DIN 18015. Während die Norm eine verlässliche Grundlage für standardisierte Planung bietet, kann sie zu einer Überdimensionierung von Hausanschlüssen und Verteilnetzen führen. Unsere Messergebnisse zeigen das Ausmaß dieser Überdimensionierung.

Dynamische Lastmanagementsysteme erweisen sich als effektives Mittel, um die bestehende Anschlusskapazität effizient auszunutzen und gleichzeitig auf einen kostspieligen Ausbau der Infrastruktur zu verzichten. Sie ermöglichen eine flexible Integration von Ladeinfrastruktur auch in Bestandsgebäuden. Würden Messsensoren bundesweit einfacher im geeigneten Hausanschlusskasten zugelassen, wäre die Nachrüstung in fast allen Gebäuden wirtschaftlich machbar.

Modernes Mehrfamilienhaus

Inhaltsübersicht

1. Wie errechnet der Netzbetreiber die verfügbare Leistung für Ladeinfrastruktur?

Die Elektrifizierung des Verkehrs stellt neue Anforderungen an die elektrische Infrastruktur von Wohngebäuden. Bei der Nachrüstung von Ladepunkten – insbesondere in Mehrparteienhäusern – stellt sich regelmäßig die Frage, ob die bestehende Netzanschlusskapazität ausreicht oder ob zusätzliche Maßnahmen wie ein dynamisches bzw. phasenbalanciertes Lastmanagementsystem oder sogar ein Anschlussausbau erforderlich sind.

Gemäß § 19 der Niederspannungsanschlussverordnung (NAV) ist die Errichtung von Ladeeinrichtungen mit einer Gesamtanschlussleistung von 12 kW oder mehr nicht nur melde-, sondern auch genehmigungspflichtig. Im Genehmigungsprozess prüft der Netzbetreiber unter anderem:

Zur Abschätzung, wie viel zusätzliche Leistungsentnahme der Hausanschluss eines Gebäudes verträgt, wird häufig folgende vereinfachte Rechnung verwendet: 

Absicherung des Hausanschlusses – rechnerisch maximal zu erwartende Gleichzeitlast des Gebäudes
= verbleibende Anschlussleistung für Ladeinfrastruktur oder sonstige Anwendungen

Diese sogenannte Gleichzeitlast (simultane Spitzenlast) wird je nach Gebäudetyp unterschiedlich abgeschätzt:

2. Wie nach DIN 18015 geplant wird – und was das bedeutet

Die DIN 18015-1 ist eine etablierte Planungsgrundlage für die Auslegung von Hausanschlüssen in Wohngebäuden. Sie bietet einen schnellen und standardisierten Ansatz, insbesondere bei der Bestimmung des Anschlusswerts auf Basis der Anzahl der Wohneinheiten.

Zentrale Bestandteile sind die Leistungskurven A und B:

Zusätzliche technische Anlagen wie Aufzüge, Lüftungsanlagen, Wärmepumpen oder Ladeinfrastruktur müssen gesondert berücksichtigt werden, da sie in den DIN-Kurven nicht enthalten sind.

Die Norm basiert auf statischen Annahmen, die reale Verbrauchsmuster oft nicht widerspiegeln. In der Praxis zeigt sich daher häufig: Der nach DIN 18015 berechnete Hausanschlusswert liegt deutlich über der tatsächlichen Spitzenlast, die im laufenden Betrieb gemessen wird.

Diagramm: Din-18015 Kurve A und B

3. Reale Anschlusslasten: Was unsere Lastgangmessungen zeigen

Im Rahmen verschiedener Ladeinfrastrukturprojekte in Wohngebäuden haben wir an vielen Standorten Langzeitmessungen durchgeführt. Ziel dieser Messungen war die konkrete Planung einer Ladeinfrastruktur, insbesondere die Bewertung der vorhandenen Netzanschlusskapazität und der Notwendigkeit eines Lastmanagementsystems. 

Im Nachgang haben wir die erfassten Daten aus insgesamt 37 Lastgangmessungen an Wohngebäuden analysiert und stellen die Ergebnisse hier zur Verfügung – mit dem Ziel, die theoretischen Annahmen nach DIN 18015 der real gemessenen Auslastung gegenüberzustellen. So können Rückschlüsse auf den tatsächlichen Handlungsspielraum bei der Nachrüstung ermöglicht werden.

Messumfang

Die Messungen erfolgten in 37 Wohngebäuden mit insgesamt 494 Erfassungstagen. Die Gebäude waren heterogen in Bezug auf Ausstattung, Baualter und technische Infrastruktur. Teilweise verfügten sie über:

Gemessen wurde der Phasenstrom an allen drei Außenleitern direkt am Hausanschluss. Die Daten wurden im 10-Sekunden-Takt erfasst und zu 1-Minuten-Mittelwerten aggregiert. Kurzzeitige Spitzen, etwa durch das Einschalten großer Verbraucher, können über den ausgewiesenen Werten liegen – wurden in dieser Auswertung jedoch nicht separat betrachtet.

Auswertungsschwerpunkte

Zwei Kennwerte standen im Fokus der Auswertung:

Tabelle mit Spitzenwerten einer Lastgangmessung
Tabelle mit Durchschnittswerten einer Lastgangmessung

Die Ergebnisse wurden jeweils in Relation zum DIN-Referenzwert des Gebäudes gesetzt, der aus der zugehörigen Leistungskurve (A oder B) abgeleitet wurde. Da in vielen Fällen keine individuelle Leistungsaufstellung der Gebäudeeigentümer vorlag, orientierten wir uns – analog zur gängigen Praxis bei Netzbetreibern – ebenfalls an der DIN 18015.

4. Messergebnisse im Vergleich zur DIN – das sagen die Daten

Spitzenlast vs. DIN-Bemessung

Diagramm: Din-18015 Kurve A und B vs Lastspitzen
Die höchste gemessene Stromstärke auf einer der drei Phasen erreichte maximal 67 % des DIN-Anschlusswerts. Über alle Gebäude hinweg lag der Messbereich zwischen 20 % und 67 %, mit einem Median und Durchschnittswert von jeweils 43 %.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die tatsächliche Last im Betrieb auch bei Gebäuden mit zusätzlichen technischen Anlagen wie Aufzügen, Lüftungsanlagen, Wärmepumpen oder Ladepunkten häufig deutlich unter dem nach DIN 18015 angenommenen Wert liegt.

Hinweis: Die zusätzlichen Verbraucher wurden in der Auswertung nicht separat herausgerechnet, was den Wohnungsverbrauch tendenziell überschätzt.

Stromstärke auf Phasenebene: Warum das entscheidend ist

Da jede Außenleiterphase separat abgesichert ist, ist die höchste Last auf einer einzelnen Phase entscheidend für die Netzanschlussbewertung. Eine Überlastung einzelner Phasen kann zu teilweisen Stromausfällen führen, weshalb die höchstbelastete Phase als Referenz dient.

Zudem werden die meisten Großverbraucher wie Ladeinfrastruktur, Wärmepumpen, Heizstäbe oder Stromspeicher 3-phasig angeschlossen und belasten im Regelfall alle Phasen gleichmäßig. Zwar können Lastmanagementsysteme mit Phasenbilanzierung noch etwas mehr Leistung aus einem bereits ausgelasteten Hausanschluss herausholen, in der Praxis ist dies jedoch selten erforderlich.
 

Durchschnittliche Auslastung – was bleibt übrig für die Wallbox?

Diagramm: Din-18015 Kurve A und B vs Durschnittslast
Die mittlere Auslastung der jeweils höchstbelasteten Phase lag im Maximum bei 16 % des DIN-Werts, gemessen in einem Gebäude mit Wärmepumpe im November. Über alle Gebäude betrug der durchschnittliche Wert nur 7 %.

Dies zeigt, dass dynamische Lastmanagementsysteme das Potenzial haben, einen erheblichen Teil der Netzanschlusskapazität für Ladeinfrastruktur effizient zu nutzen, ohne dass technische Verstärkungen am Anschluss erforderlich sind.

 

Die maximale Dauerbelastung des Hausanschlusses liegt üblicherweise bei etwa 80 % der Nennleistung der Sicherung. Daher können Sie in einem modernen Mehrfamilienhaus erwarten, dass bei Einsatz eines dynamischen Lastmanagementsystems rund 70 % der Anschlussleistung für die Ladeinfrastruktur und ähnliche Anwendungen zur Verfügung stehen.

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5. Was bedeutet das für die Praxis? Planungsansätze im Wandel

Dynamisches Lastmanagement als Schlüsseltechnologie:

Dynamische Lastmanagementsysteme bieten die Möglichkeit, die vorhandene Netzanschlusskapazität in Wohngebäuden deutlich besser auszuschöpfen. Dabei erfolgt die Steuerung der Ladeleistung flexibel und bedarfsorientiert, abgestimmt auf die aktuelle Netzbelastung – nicht nur auf die Gebäudelast. Damit stellen sie eine zukunftsweisende Ergänzung dar, um die Elektromobilität wirtschaftlich und netzfreundlich zu integrieren.

Erfahren Sie mehr in unserem Artikel zu Lastmanagement.

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Anschlussverstärkungen selten notwendig: TABs als begrenzender Faktor

Die tatsächlichen Lastprofile zeigen, dass technische Verstärkungen des Hausanschlusses in vielen Fällen nicht erforderlich sind, um die gewünschte Ladeleistung zu realisieren – sofern ein dynamisches Lastmanagementsystem umgesetzt werden kann.
In Gebäuden, in denen der technische anschlussbedingungen-konforme Einbau einer Leistungsmessung im Vorzählerbereich (Voraussetzung für dynamisches Lastmanagement) einen aufwändigen Umbau des Schaltschrankes erfordert, führen die konservativen DIN-Werte jedoch häufig dazu, dass die Ladeleistung unnötig begrenzt wird.
In solchen Fällen erscheint eine gezielte Reduzierung der TAB-Vorgaben im Hinblick auf Leistungsmessungen im Vorzählerberich als zielführendere Maßnahme gegenüber einer pauschalen Anpassung der DIN-Schätzwerte.

Ein Beispiel dafür wäre die Ermöglichung der Installation von Messsensoren direkt im Hausanschlusskasten – ein vergleichsweise einfacher Schritt, der zusätzlichen Investitionsaufwand vermeiden könnte. Darüber hinaus wäre eine bundesweite Vereinheitlichung der Vorschriften hier sinnvoll.

Wallbox lädt E-Auto

Überdimensionierung der Anschlusskapazitäten:

Die oft konservative Bemessung führt zu einer hohen Vorhaltung von Netzkapazitäten, die wahrscheinlich nie vollständig genutzt werden. Die vorliegenden Daten unterstreichen die Notwendigkeit, die Niederspannungsverteilnetze weiter zu digitalisieren und eine bessere Transparenz über die tatsächliche Auslastung zu schaffen, um Ressourcen effizienter zu steuern und zukünftig Optimierungspotenziale zu heben.

Überdimensionierung von Verteilnetzen: Stabilität oder teure Vorsicht?

Die deutsche Niederspannungsinfrastruktur ist im europäischen Vergleich robust dimensioniert. Das ermöglicht bereits heute eine breite Integration von Ladeinfrastruktur und Wärmepumpen ohne unmittelbaren Bedarf an flächendeckendem Netzausbau.
Fraglich ist jedoch, ob die aktuell konservativ ausgelegte Planungsgrundlage – etwa durch Fortschreibung der DIN 18015 ohne Berücksichtigung realer Verbrauchsmuster – auch langfristig sinnvoll bleibt. Werden neue Verbraucher wie Ladepunkte oder Wärmepumpen pauschal zusätzlich zum DIN-Wert veranschlagt, entsteht ein deutlich höherer Ausbaubedarf, als es bei einer Planung auf Basis real gemessener Lastdaten der Fall wäre.

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Edward Cooper

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